Inselalltag

Donnerstag, 29. September 2005

"He, Ciccia"

Ich gehe durch die Stadt, naja Staedtchen, man wuerde wahrscheinlich eher Dorf dazu sagen.
Die Sonne scheint, die Voegel zwitschern, ein friedlicher, heller Tag.
Ein wenig gestoert ist mein Genuss nur durch den Anblick unserer Inseljugend: Dicke Schwabbelbaeuche, die, es tut mir leid das zu sagen, einfach widerlich sind, wie sie da so aus den XS T-Shirts und Tops herausquellen.
Aber unsere Jugend ist ja heutzutage selbstbewusst, sie brauchen ihren Koerper eben nicht zu verstecken und koennen sich erlauben, 34 zu tragen, auch wenn eigentlich 44-46 die passendere Groesse waere.
Aber wenn das Muster nun mal so schoen ist...
Dass das Muster bei der Spannung unter der das arme Shirt steht gar nicht mehr zu erkennen ist, darauf sind sie wohl noch nicht gekommen.
Und dass die Jungs heutzutage anstatt, wie es hier im Land der Zitronen sonst ueblich war, "Ciao, bella", den Maedels nun "He, Ciccia" hinterherrufen, ist auch nur die natuerliche Folge dieses Umstands.
Kleine Anmerkung fuer die Unwissenden: "Ciccia" ist das italienische Equivalent fuer "Fett", oder in diesem Kontext eben "Dickerchen".
Naja, sie haben ja auch eigentlich nicht das Recht, sich dies zu Herzen zu nehmen, denn wenn das erste was man sieht der Schwabbelbauch ist, der ueber den Hosenbund und unter dem T-Shirt hervor bewegungsfreudig gruesst, ist das nun mal der Spruch, der einem in den Sinn kommt.
In diesem Sinne: "He, Ciccia!"

Mit dem Selbstbewusstsein kann man's eben auch uebertreiben.

Dienstag, 27. September 2005

Sklaverei

Hey du, sagt Marie zu Ariel, nimm mal meine Tasche und trag sie da rueber, ich will mich naemlich umsetzen.
Ariel senkt den Kopf, nimmt die Tasche und traegt sie zur anderen Seite des Klassenraums, waehrend Marie weiterhin in ein Gespraech mit einem ihrer Schwaerme versunken ist.
Ariel, rufe ich sie zu mir, wieso traegst du denn Maries Tasche durch die Gegend?
Wir sind Freundinnen, antwortet Ariel voller Stolz.
Ach so, denke ich, und ueberlege, wann ich Marie das letzte Mal Ariels Tasche herumtragen sah.
Noch nie.

Sonntag, 25. September 2005

Im Auto

Dunkelheit. Die leisen Geraeusche des Autos huellen mich in ein Gewand aus Schlaefrigkeit. Ich frage mich, ob meinem Kollegen die Stille zwischen uns unangenehm ist. Ich finde es entspannend, wer will schon reden nach einem langen Arbeitstag?
Ich bin in meine eigene Gedankenwelt versunken. Obwohl, wenn ich darueber nachdenke, eigentlich denke ich gar nichts. Ich geniesse nur den Blick aus dem Fenster, der mir das Meer zeigt, wie es ruhig da liegt in der Dunkelheit, ganz glatt, fast wie ein Samthandtuch.
Maik macht das Radio an. Vielleicht ist ihm die Stille doch unangenhem? Dabei finde ich es so schoen. Es ist schwierig, jemanden zu finden, mit dem man einfach nur schweigen kann. Aber ich bin mir nicht sicher, ob Maik das auch mag. Der Zweifel beginnt in meinem Kopf zu nagen und ich werde immer unsicherer. Vielleicht ist es doch besser, ueber irgendwas zu reden.
Nun beginnt in meinem Kopf die unausweichliche fieberhafte Suche nach einem Gespraechsthema. Wo ich doch so froh war, dass ich mir das ersparen konnte. War wohl nichts. Da, da ist sie, die Idee.
"Musst du morgen auch wieder frueh aufstehen?" frage ich, in meinem besten Small-talk-Ton, aber der ist nun mal einfach nicht mein Ding. Maik laechelt leise. "Geht so, muss um halb neun losfahren." antwortet er. Und jetzt? "Na, das geht ja. Obwohl, da musst du ja schon um acht aus den Federn." "Ja, so ungefaehr"
Und damit ist meine Gespraechsidee ausgeschoepft. Ich weiss einfach nicht, worueber ich mit ihm reden soll, hab auch keine Lust auf ein anspruchsvolles Gespraech um diese Uhrzeit.
Ausserdem, wenn ihm die Stille unangenehm ist, kann er ja auch mal was sagen. Vielleicht leuge ich mit meinem Verdacht ja auch voellig falsch.
Damit sinke ich in meine Gedankenwelt zurueck. Die vorbeirauschenden Autos haben irgendwie eine hypnotisierende Wirkung auf mich. Es ist auch so schoen warm hier im Auto.
Maik sagt irgendwas. Ich hab aber leider nur "schenken" und "Mama" verstanden, und weiss grad nicht, was ich darauf antworten soll.
"Wann ist denn ihr Geburtstag?" frage ich. Er guckt mich irgendwie verstoert an. "Nein, ich will ihr einfach nur so etwas schenken, weiss aber nicht was."
"Ach so.", Mist, falsch verstanden. "Das ist aber eine nette Idee" sage ich noch, und mir wird sofort bewusst, dass das irgendwie fehl am Platz war. Meine Sehnsucht nach einem Geschenk "einfach so" hat da wohl aus mir gesprochen. Dabei hatte ich doch vor kurzem erst Geburtstag und bin mit Geschenken nur so ueberhaeuft worden. Aber ein Geschenk "einfach so" hat halt einen ganz anderen Stellenwert. Vielleicht sind wir Frauen auch nur unverbesserlich, was Geschenke angeht.
Ein Geschenk fuer seine Mutter faellt mir allerdings auch nicht ein, so ist auch dieses Gespraech schon wieder beendet. Langsam wird mir das zu anstrengend, zum Glueck klingelt Maiks Mobiles. Das Problem waere also fuer den Moment geloest.
Seine Frau ist am Apparat und nach kurzer Zeit sind die beiden mitten in einer heftigen Diskussion. Obwohl es mit eigentlich peinlich ist, komme ich nicht drumherum, zuzuhoeren. Sie will Freunde zur Uebernachtung einladen aber er ist muede und hat keine Lust auf Gaeste. Ich kann ihn wirklich gut verstehen und finde es irgendwie schade, dass seine Frau dies nicht kann. Gestern hatte er schliesslich eine 24-Stunden Schicht und ist dann heute, direkt danach, hierher gekommen um, nach nur einer Stunde Mittagschlaefchen, bis abends weiter zu arbeiten. Da will man doch wenn man nach Hause kommt seine Ruhe haben. Sie laesst aber nicht locker. Maik tut mir irgendwie leid, mit einer so verstaendnisloes Frau. Ich will sie mal sehen, wenn sie zwei Tage am Stueck arbeiten muesste. Sie wuerde wahrscheinlich in Ohnmacht fallen vor lauter Ueberanstrengung.
Als er auflegt, sage ich natuerlich nichts, sonder versuche so zu tun, als haette ich nichts gehoert. Ich will mich ja nicht einmischen. Aber Mark scheint meine Anspannung zu spueren (ist er wirklich so sensibel?) und sagt:" Sie will Freunde zum Uebernachten einladen, ich hab aber keine Lust." und, nach einer kurzen Pause:" Ich bin schliesslich muede und will mich nur ein wenig aufs Sofa schmeissen und dann ins Bett gehen"
"Ich verstehe dich" und das tue ich auch wirklich.
Mark sieht mich dankbar an. Und ploetzlich ist die Stille zwischen uns anders, nicht mehr peinlich, sondern leicht und luftig. Beide laecheln wir und fuehlen uns einander naeher als jemals zuvor. Jetzt bin ich seiner Frau irgendwie dankbar. Wie doch ein kleines, ehrlich gemeintes Saetzchen so viel veraendern kann.

Experimente einer jungen Schreiberline

O NO! Meine Feder hat sich selbststaendig gemacht!!

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