Samstag, 1. November 2008

Ortlos

Auf der Straße taumelte ein leerer Mc-Donald’s-Plastikbecher über den Asphalt. Mit ihrer Sandale zerbröckelte sie bei jedem Schritt verdorrte Laubblätter. Der feine Naturstaub hob sich im Wind, drehte sich und fiel dann, tot, auf die Straße zurück. Eine tiefe Zwiespältigkeit erstreckte sich von ihrem linken Arm herab bis ins rechte Bein. An einer Straßenecke stand ein Blumentopf. Die braune Erde darin strahlte eine tiefgründige Mütterlichkeit aus, zu der sie sich sofort hingezogen fühlte. Sie näherte sich dem Gefäß, wollte die Erde berühren, ihre Hände in der warmen Mulde vergraben, da erblickte sie in der Mitte des Topfes einen Eisenpfahl. Einen Eisenpfahl! Wie ein verkapptes Verkehrsschild ohne Aussage ragte es in den Himmel, es stakte in der mütterlichen Erde, als ob es, wie eine echte Pflanze, Wurzeln schlagen wollte! Selbst das kalte Eisen war auf der Suche nach Verwurzelung! Selbst das kalte Eisen suchte nach Halt! Wandte sich ab von der zivilisierten Welt! Suchte sein Glück in den Tiefen der Erde! Verwirrt setzte sie sich auf eine nahe Sitzbank. Die Geschäftigkeit um sie herum verwirrte ihr die Sinne. Frauen mit riesigen Plastiktüten, Kinder mit Eis, Männer mit Zigaretten im Mundwinkel tummelten sich auf dem Platz. Ein kleines Kind fing an zu schreien, als ihm seine Eiskugel aus der Waffel heraus und auf den Boden fiel. Die Mutter schnaubte verärgert und zog das Kind an der Hand weiter. Langsam verebbten die Schreie des Kindes im allgemeinen Gewühl. Anna wollte nach Hause. Das Seltsame an diesem Gefühl war, dass sie sich dabei nicht in ihre Wohnung sehnte. Oder in ihr Elternhaus. Oder an sonst einen ihr bekannten Ort. Sie wollte NACH HAUSE: Das heißt, sie wollte an den Ort, an dem die Fremdheit fremd war. Die Zwiespältigkeit eindeutig. Das Sehnen heimisch. Anna stand auf und vergrub nun doch ihre Hände in der warmen Erdmulde des Blumentopfes. Unter der Erde wühlte sie sich durch, bis ihre Fingerspitzen das kalte Eisen fühlten. Sie zuckte zusammen und ging.

Freitag, 18. Juli 2008

Karl-Heintz

Fernsehen ist auch nicht mehr das, was es mal war. Karl-Heintz rutscht mit dem untersten Teil des Rückens über das Sofa um sich von einem sehr determinierten Juckreiz zu befreien. Dabei fällt ihm die Fernbedienung aus der Hand. „Jutta“, ruft er. Aber Jutta kommt nicht. Karl-Heintz grunzt ein bisschen und ruft dann lauter. Und noch lauter. Aber Jutta kommt nicht. Karl-Heintz angelt mit dem Fuß nach der Fernbedienung, erwischt sie beinah mit dem gelben Zehennagel. Aber ganz reicht es nicht. Karl-Heintz rutscht noch ein wenig auf dem Sofa hin und her, rutscht dann in Richtung Fernbedienung, streckt das Bein so weit er kann, so weit er kann. Da verliert sein Hinterteil den Halt. Karl-Heintz’ Hinterteil stößt schmerzhaft auf den kalten Laminatboden auf. Er grunzt. Angelt weiter mit dem Fuß. Ruft noch einmal nach Jutta. Bleibt dann bewegungslos sitzen. Grunzt nur. Nässt seine Unterhose, seine Hose, das Laminat. Grunzt. Ruft nach Jutta. Aber Jutta kommt nicht. Will die Träne wegwischen, die seine Wange unangenehm kitzelt. Kann aber nicht. Da kommt immer mehr. Immer mehr Nässe auf seinen Wangen. Er grunzt nun nicht mehr. Sitzt nur ganz still und weint. Ruft nicht mehr nach Jutta, grunzt nicht mehr. Sitzt nur da, fühlt das Kribbeln in seinen Fingerspitzen und die Ohnmacht in seinem Bauch.

Dienstag, 13. Dezember 2005

Ein leeres Blatt Papier

Ein leeres Blatt Papier
ist so ein undankbares Ding
Ganz leer und rein
so liegt es da
und grinst mich haemisch an
Es lacht
es grient
es kichert
faucht
und fletscht gar fuerchterlich
da nehm ich es
zerreiss ich es
zerbeiss ich es
und schmeiss es in den Muell
den ich mit solch bedeppertem Papier
schon seit ganzen Wochen fuell

Dienstag, 1. November 2005

Spaziergang

Herbst. Blätter fallen vom Tode berührt zu Boden und hinterlassen ein traurig kahles Bild nackter Bäume. Ich gehe spazieren, um meiner Gedankenwelt zu entfliehen. Zuviele die Erinnerungen, die auf mich einströmen, wenn ich zu Hause vor dem Schreibtisch hocke. Der Versuch, zu schreiben scheitert; Meine Erinnerungen an dich wollen mich einfach nicht los lassen. Die Gedanken sind frei! rufen sie, und entziehen sich damit aller Kontrolle. So gehe ich nun unter dem herbstlichen Winterhimmel meiner einsamen Wege. Ich beschleunige meine Schritte, versuche, den geistigen Ballast abzuhängen, um endlich allein sein zu können.
Doch es ist mir unmöglich, mich von deiner Abwesenheit zu befreien. Sie umklammert meine Brust und nimmt mir den Atem, wie es einst deine Anwesenheit tat. Kann ich etwa ohne deine Unterdrückung, deine Qual und deinen Schmerz nicht mehr leben? Ich bekomme Angst. Angst vor der Verrücktheit, die mich ergriffen hat. Der Geruch deines Schweißes, dein keuchender Atem, dein erhitzter Blick verfolgen mich und wecken die alte Furcht in mir. Werde ich dir jemals entfliehen?

Während ich so laufe kitzelt ein Duft von Sommer meine Nase, inmitten dieser herbstlichen Welt. Nostalgisch denke ich zurück an ferne Kindertage, als der Sommerduft noch Wildheit in mir weckte. In meinen Ohren klingt unser altes Kinderlied und ich summe leise vor mich hin.
Ringel rangel rose butter in der dose.
Doch ich bin nicht mehr allein. Ein altbekanntes Stimmchen hat sich zu dem Duft gesellt. Schmalz in den kasten morgen wolln wir fasten summt es im Einklang mit mir.
Ich halte an, sehe mich um, bin allein auf dem frostigen Weg. Übermorgen lämmlein schlachten das soll schreien mäh. Als komme es aus dem Nichts, schwirrt das Stimmchen durch den Wald. Es hallt wider an der kalten Winterluft, um dann im Frühlingshimmel zu verklingen. Mit gesenktem Kopf gehe ich weiter Richtung Heimat, auf der Suche nach dem Vergessen.
Es gibt kein Vergessen sagt das Stimmchen neben mir und als ich mich umdrehe, sehe ich sie endlich. An meiner Seite trippelt ein kleines Mädchen mit langem blondem Haar das dem Meinigen gleicht. Auf dem Kopf trägt sie einen Blumenkranz, der nach Sommer riecht. Unsichtbar sind die Abdrücke ihrer schwebenden Füßlein und sie summt noch immer mein Liedchen vor sich hin. Die Leichtigkeit in ihrem Gang und ihrer Stimme macht mich traurig und schwer. Es gibt kein Vergessen.
"Wo warst du so lange?" frage ich das kleine Mädchen vorwurfsvoll. Sie aber antwortet nicht, lacht nur glockenhell. Wut packt mich und ich schreie mit schriller Stimme: "Wo warst du so lange?" Meine kleine Begleiterin hüpft unbekümmert neben mir her.
Wie alt ich bin. Verbraucht. Müde. Leer. Kalt. Finster. Dunkelheit bricht über mich herein. "Du hast mich einfach allein gelassen" sage ich leise. Tränen kullern meine Wangen herunter. Ich war die ganze Zeit hier. Aber du wolltest vergessen.
Ich bleibe stehen, setze mich auf einen Baumstumpf, lasse den Tränen freien Lauf. Das Mädchen legt seine Hand auf meinen Kopf. Komm jetzt, gehen wir nach Hause, nun hast du mich ja wiedergefunden. Als ich in ihr liebliches Gesichtchen sehe, finde ich die Kraft aufzustehen, noch vorn zu sehen, meinen Weg fortzusetzen.
Meine kleine Begleiterin leuchtet mir mit dem Licht ihrer Fröhlichkeit. Ein Licht so hell, dass es meine Schatten vertreibt und selbst in meiner Seele ein kleines, längst verlorenes Lichtlein anzündet.
Ich nehme das Mädchen mit nach Hause und im Traum vereinen wir uns. Ohne das Vergessen kann ich endlich wieder frei sein.

Dienstag, 11. Oktober 2005

Fliegenvorhang

Oma Josefina hatte den neuen Fliegenvorhang entdeckt. Wie sie da so friedlich auf der Terasse stand, sozusagen vor der Haustuer ihres Enkels, und die nassen Sachen zum zigsten Mal umdrehte, damit sie schneller trockneten, fiel ihr etwas neues ins Auge. Der neue Fliegenvorhang eben.
Und da es beim Sachen-zum-zigsten-mal-umdrehen nicht so viel zu ueberlegen gibt, dachte sie ueber diese grosse Neuigkeit des Tages nach: Ihr Enkel und dessen faule Freundin hatten einen neuen Fliegenvorhang an der Haustuer angebracht! Und das jetzt, wo doch der Winter seine Faenge auszustrecken im Gange war.
Josefina wollte sich am Kopf kratzen, konnte aber gerade nicht, da sie ein grosses Handtuch in der einen Hand und zwei Waescheklammern in der anderen hielt.
Da musste sie doch gleich mal nachfragen, warum die beiden ausgerechnet in dieser kalten, fliegenfreien Jahreszeit einen Fliegenvorhang angebracht hatten.
Sobald das Handtuch also, natuerlich mit der anderen Seite nach oben und ueberhaupt total verkreuzt und verquert, wieder an seinem Platz hing, trippelte Josefina mit ihren Oemchenschuhen auf die Fliegenvorhang-besetzte Tuer zu.
Daniel rief sie. Daniel antwortete nicht. Daniel diesmal hob sie die Stimme noch etwas. Hmmm schallte es aus dem Zimmer was is'n? Daniel hoerte sich etwas schlaefrig an, aber Josefina stoerte sich nicht daran, schliesslich war es drei Uhr vorbei und die Mittagszeit war rum. Daniel rief sie noch einmal ich hab deinen Fliegenvorhang gesehen. Daniel antwortete nicht. Sie hob dementsprechend die Stimme Daniel, ich hab deinen neuen Fliegenvorhang gesehen!
Aus dem Zimmer toente ein Brummen, dann ein Schlurfen und dann ging die Tuer auf. Oma, was is'n los? Ich bin grad erst von der Arbeit gekommen und hab mich schlafen gelegt, gleich muss ich ausserdem schon wieder los. Also, was is denn so wichtig ?
So einen Fliegenvorhang macht man eigentlich im Sommer vor die Tuer sagte Josefina.
Und dafuer hast du mich jetzt geweckt ??
Ich hab den Vorhang gesehen und wollte nur eben sagen, dass man den eigentlich im Sommer aufhaengt. Im Winter gibt's doch gar keine Fliegen!
Ich hab ihn aber jetzt dran gemacht. Gibt's sonst noch was ?
Na, dann mach doch was du willst. Musst du jetzt los, soll ich dir ein Kaffee kochen ?
Nein, Oma, geht schon, ich mach schon selbst.
Hast du denn heut mittag auch gut gegessen ?
Klar.
was hat deine Freundin denn gekocht ?
OMA!
Ich frag ja nur. Dann bis spaeter.
Tschau.

Experimente einer jungen Schreiberline

O NO! Meine Feder hat sich selbststaendig gemacht!!

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Q-fleck - 14. Nov, 22:29
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Q-fleck - 14. Nov, 22:26
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Schöner Text.Frischer Humor. Gruss:Leonspoem
leonspoem - 1. Nov, 23:35
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Auf der Straße taumelte ein leerer Mc-Donald’s-Plastikbecher. ..
Q-fleck - 1. Nov, 23:11
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Hm, ich finde Jutta für die Geschichte jetzt gar...
Q-fleck - 19. Jul, 15:53
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Vielleicht ist Jutta ja tot? Also für mich wäre...
testsiegerin - 19. Jul, 11:28

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